Nach dem „Pfad des Wolfes“ und unserem selbst organisierten Wienerwald Doghike schien die Dogtrekking-Saison – zumindest, was Rennen anging – für uns beendet zu sein. Wir hätten nie gedacht in diesem nur noch kurzen Jahr noch einmal nach Tschechien zurückzukehren um mit Gepäck und Hunden irgendwelche abstrus langen Strecken in unwirtlichen Gegenden auf Zeit zu durchwandern oder zu durchlaufen. Und doch, eine Gelegenheit bot sich uns noch: die (etwas großspurig so genannte) Weltmeisterschaft im Gebirgs-Dogtrekking, die in den Beskiden, also im östlichsten Teil der Tschechischen Republik, direkt an der Grenze zur Slowakei, stattfinden sollte.

Eingeladen wurden wir dazu vom Organisator dieser Veranstaltung, Roman Balaz, einem in der Dogtrekking-Szene legendären Extremsportler, dessen Bekanntschaft wir bereits beim „Pfad des Wolfes“ gemacht hatten. Das wettertechnisch riskante Datum (Ende November), die reizvolle Landschaft und damit die Aussicht auf ein ganz besonderes Abenteuer ließen uns nicht lange zögern: Mario Formanek, Christopher und ich beschlossen schnell uns für dieses Rennen anzumelden. Bald darauf schloss sich uns auch Markus Mayer an, der erfolgreiche Canicross- und Scooterjoering-Athlet, der einmal die Atmosphäre eines Dogtrekkings kennenlernen wollte (und anschließend erwartungsgemäß begeistert war).

Zu dieser Veranstaltung würden DogtrekkerInnen aus der Tschechischen Republik, aus Polen, der Slowakei und eben wir Österreicher anreisen, knappe fünfzig Menschen und ihre Hunde würden am Start stehen, unter ihnen die absolut schnellsten Athleten, die dieser Sport aufzuweisen hat.

Unser Ziel war diesmal nicht zu hoch gegriffen: Wir wollten das Rennen einfach regulär beenden. Dazu hatten wir einige Änderungen in Bezug auf Taktik und Ausrüstung vorgenommen – das Gepäck war deutlich handlicher dimensioniert (dabei kam uns die geringere Länge des Trails natürlich sehr entgegen), wir wählten trotz des angekündigten kalten, in tieferen Regionen nassen  Wetters leichteres Schuhwerk, Pausen für uns und die Hunde wollten wir kürzer, aber regelmäßiger halten und besonders in flacheren Teilen oder bergab wollten wir statt zu gehen locker laufen. Es war ein Experiment, aber ein lohnendes, wie uns schien.

Am Freitag, dem 23. November 2007, brach also das Team Österreich gemeinsam mit seinen Hunden Blaze, Yuma, Rashka und Ronja nach Ostravice, dem Veranstaltungsort, auf. Nach einer recht abenteuerlichen Fahrt (inklusive eines Autobahnstaus, der Suche nach einem Geldautomaten und dem Versuch einer Orientierung in entlegenen Gebirgstälern) gelangten wir bei weitem später als geplant im Hotel an, bezogen unsere Zimmer und erledigten die Anmeldeformalitäten für den nächsten Tag. In einem anderen Lokal im Ort bekamen wir kurz vor der Sperrstunde sogar noch etwas zu essen und konnten letzte Pläne für das Rennen schmieden. Vernünftigerweise gingen wir verhältnismäßig früh schlafen um gestärkt durch eine ruhige Nacht und ein ausgiebiges Frühstück am Samstag frisch und ausgeruht zu sein. Immerhin erwartete uns eine Strecke, die nicht nur der Distanz eines Marathonrennens entsprach, sondern darüber hinaus auch noch im Gebirge sowie in Schnee und auf Eis zurückzulegen war und die wir anhand einer Karte und einer Wegbeschreibung (wie beim Dogtrekking üblich) selbst finden mussten.

Eine kurze Sportlerbesprechung nach dem Frühstück und das Einzeichnen der Strecke auf unseren Karten stimmten uns auf die bevorstehenden Stunden ein. Die Hunde waren gewässert, wir hatten gegessen, die Ausrüstung war gecheckt und alle waren umgezogen – es war so weit: Um kurz nach zehn Uhr erschienen wir im Startbereich vor dem Hotel. Unsere Anspannung war spürbar geringer als beim letzten Dogtrekking-Rennen, obwohl (oder weil) diese Veranstaltung mit einem Massenstart beginnen sollte.

Um zehn Uhr zehn (zwanzig Minuten nach dem Start der Damen) setzte sich der Pulk der männlichen Dogtrekker in Bewegung und auf dem ersten Kilometer, der noch durch bewohntes Gebiet führte, erschien das Feld äußerst homogen. Erst mit der Zeit und zunehmender Steigung des Trails zog sich  die Gruppe auseinander und bereits nach etwa einer Viertelstunde gab es keinerlei Platzprobleme auf dem Weg mehr. Bald war die Wanderroute, auf der wir uns bewegten, nur mehr als ausgetretener Pfad im Schnee erkennbar, der direkt auf den Lysa Hora, den dominierenden Gipfel des Rennens (1323m Seehöhe) führte. Die Hunde arbeiteten – schon aufgrund der winterlichen Witterungsbedingungen - hervorragend und so war es unserer Viergruppe möglich eine Menge Konkurrenten hinter uns zu lassen; nach etwa fünf Kilometern überholten wir auch schon die ersten Dogtrekkerinnen, die ja immerhin einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gehabt hatten. Der Tag begann gut für uns, das war nicht zu übersehen. Am anstrengendsten in dieser Phase des Rennens war wohl das Überholen der Konkurrenten beziehungsweise das Ausweichen, wenn Wanderer den Berg herunter kamen (diese waren teilweise in Begleitung frei laufender Hunde).

Nach einem zirka 75-minütigen Anstieg und dem Zurücklegen von etwa 740 Höhenmetern auf 7,6 Kilometern Wegstrecke gelangten wir zum ersten Checkpoint, der Berghütte auf dem Gipfel des Lysa Hora. Dort stempelten wir in der überfüllten, etwas stickigen Gaststube unsere Startkarten ab, boten den Hunden Wasser an (das sie allerdings verächtlich ablehnten) und machten uns nach einem äußerst kurzen Stopp daran die Schipisten des Gebietes bergab zu laufen. Nach etwa zwei Kilometern lockeren Trabens überdehnte ich mir durch einen unglücklichen Schritt in eine Spur im tiefen Schnee abseits der Pisten schmerzhaft die Wade des linken Beines. Aufgrund des stechenden Schmerzes, der mit einem deutlich wahrnehmbaren, schnalzenden Geräusch einhergegangen war, dachte ich sofort an einen Sehneneinriss. Auch war es mir in den ersten Minuten kaum möglich einen wirklichen Schritt zu tun. Nach erst zehn zurückgelegten Kilometern aufzugeben ließ mein Stolz aber nicht zu. Ich saß in einer emotionalen Zwickmühle. Das einzig Zielführende schien eine Entscheidung „aus dem Bauch heraus“ zu sein: Ich forderte die anderen auf, ihr Tempo beizubehalten und mich vorerst zurückzulassen. Mein Körper war trainiert genug um mir den Unterschied zwischen echter Verletzung und vorübergehendem Schmerz glaubhaft mitzuteilen, davon war ich überzeugt. Und tatsächlich: Im Verlauf der nächsten zwei- bis drei Kilometer gewöhnte ich mich beinahe an das Stechen in meiner Wade und mich beruhigte die Tatsache, dass der Schmerz ein wenig abklang und keine Schwellung zu ertasten war, nur eine leichte Verhärtung des Gastrocnemius. Mein Ehrgeiz lag zu diesem Zeitpunkt allein darin die restlichen rund dreißig Kilometer des Trails - egal in welcher Zeit – hinter mich zu bringen.

 Glücklicherweise bestanden die nächsten acht Wegkilometer aus so unwegsamem Gelände (steile An- und Abstiege, Eisplatten, Tiefschnee), dass an ausgiebigeres Laufen nicht zu denken war. Dies war mein Vorteil, denn so konnte ich auch humpelnd knapp hinter meinen drei Teamkollegen vorankommen, mit denen ich bereits beim zweiten Checkpoint im urtümlichen Waldgebiet direkt an der slowakischen Grenze wieder zusammentraf. Dort kam es zu Problemen am Checkpoint, da eine Hüttenwirtin sich nach einer gewissen Anzahl Teams, die ihr Lokal zum Abstempeln der Startkarten betreten hatte, weigerte weitere Teilnehmer einzulassen (obwohl das von den Organisatoren im Vorfeld abgesprochen worden war). Nach einer kurzen Stärkung - vor der Hütte - nahmen wir den Weg wieder gemeinsam auf.

Nach einem nicht allzu schwierigen Anstieg gelangten wir auf gemütlich zu begehende Gebirgsstraßen, was auch meinem Bein gut tat, sodass ich bald, zumindest bergab, wieder zu laufen im Stande war. Die Stimmung stieg, wir fühlten uns stark und noch gut ausgeruht, obwohl wir bereits mehr als die Hälfte des Rennens hinter uns gebracht hatten. Beim dritten Checkpoint, dem einsam gelegenen Gasthaus Charbulak, ließen wir die Hunde in den bereit gestellten Wasserkübeln saufen und genehmigten uns selbst jeder eine kleine Flasche Kofola (ein tschechischer Softdrink, dessen Geschmack schwierig zu beschreiben, aber äußerst interessant ist). Das musste nach 26 zurückgelegten Kilometern einfach sein, die verlorene Zeit würden wir locker durch unsere erholte Physis wieder gut machen. Auf ausgiebigere Pausen verzichteten wir gerne, da ein längerer Aufenthalt nicht nur Zeit, sondern auch Körperwärme kostete – immerhin waren wir von der Bewegung erhitzt und die winterlichen Temperaturen waren durch die hohe Luftfeuchtigkeit in diesen bereits recht tiefen Lagen äußerst unangenehm.

Durch Kofola also typisch dogtrekkermäßig gestärkt, waren wir bereit, den letzten Teil der Strecke (noch etwa 16 Kilometer) in Angriff zu nehmen. Dieser führte uns zuerst über äußerst steile, sehr rutschige Schipisten bergab (die Hunde mussten teilweise ohne Zug „bei Fuß“ gehen, sonst wäre es zu schlimmen Stürzen gekommen), später durch eine dicht bewaldete Klamm, in der wir erneut einige DogtrekkerInnen auf einem vereisten Weg überholen konnten. Bald gelangten wir zu einem großartigen Stausee, dessen Uferverlauf wir auf einer etwas erhöhten Straße folgten. Mein linkes Bein begann zu diesem Zeitpunkt erneut Schwierigkeiten zu machen, sodass ich etwas zurück fiel, dieses Manko aber durch besonders flotte Bergabläufe wieder wettzumachen trachtete, was mir dank der Hilfe meiner vierbeinigen Teampartnerin auch recht gut gelang.

Bald schon trabten wir Richtung Ostravice, also dem Ziel des Rennens entgegen. Mittlerweile – es war etwa 16.00 Uhr – begann es zu dämmern. Wir wussten: Um spätestens 16.30 Uhr wäre es, besonders im Wald, stockdunkel. Die letzten zwei Kilometer hatten wir zwischen dichtem Baumbestand zurückzulegen, was uns beinahe gezwungen hätte, die mitgeführten Kopfleuchten zu verwenden. Wir kamen aber mit nur einer von vieren gut aus (zum kurzen Kartenlesen war sie hilfreich), denn nach einer geringen Zeitspanne trafen wir bereits auf den erleuchteten Zufahrtsweg zum Hotel, in dessen Eingangsbereich das Ziel lag. Müde, nass, aber euphorisch gaben wir simultan unsere Startkarten bei den Organisatoren ab: Das Team Österreich hatte damit trotz aller Widrigkeiten der vergangenen sechseinhalb Stunden, der schwierigen Geländebedingungen und 42 abenteuerlicher Wegkilometer geschlossen gefinisht! Unser Ziel war erreicht und darüber hinaus waren wir aufgrund der Wetter- und Geländebedingungen stolz auf unsere und die Leistung unserer Hunde. Meine linke Wade war zwar eine einzige verkrampfte Fleischmasse, Mario spürte schmerzhaft seine Knie und die Erschöpfung war uns allen deutlich anzusehen, aber wir waren fröhlich, lachten viel und posierten stolz für ein Teamfoto, das einer unserer Konkurrenten, der knapp vor uns mit seinem Wolfshund ins Ziel gekommen war, freundlicherweise von uns machte.

Nachdem die Tiere versorgt (gefüttert und gewässert, die Pfoten kontrolliert, das Fell mit Handtüchern abgerieben und in den Boxen zur Ruhe gelegt) waren, gönnten auch wir menschlichen Teammitglieder uns etwas Erholung unter der heißen Dusche und bei einem ausgezeichneten, (bis auf die Sachertorte) typisch tschechischen Abendessen, das etwas üppiger als üblich ausfiel – doch wer konnte uns das nach diesem Tag verdenken? Es sollte noch etwa dreieinhalb Stunden dauern, bis die letzten DogtrekkerInnen im Ziel eintrafen, wir hatten also noch mehr als genug Zeit zum Plaudern, Lachen, Essen und Trinken mit unseren KonkurrentInnen, sodass wir die feierliche Siegerehrung um etwa 21 Uhr entspannt genießen konnten.

Es war ein schöner Erfolg, den wir als Team mit nach Hause nehmen durften: Neben guten Einzelergebnissen (sechste und neunte Plätze) erreichten wir in der Teamwertung den zweiten Rang, was uns Österreicher zur zweitbesten Dogtrekking-Nation (nach der Tschechischen Republik) erhob. Auch hier war allerdings wieder spürbar, dass es weniger ein Gegen- als ein Miteinander gewesen war, das diese Veranstaltung bestimmt hatte; wieder hatten wir Inspiration und Motivation für den Aufbau einer Dogtrekking-Szene in unserem Land gefunden – das Puzzle unserer Zukunftsvisionen komplettierte sich Steinchen für Steinchen.